07.10.2010

Wieder

Der Anfang... ist getan.
Ein erster Schritt, ein Tasten
ein Spähen in die dunkle Wölbung
Die Wand in kalter Nähe
benetzt wie meine Stirn
von den Mühen der Decaden
Klamm gebieterische Stille
fliegt den Geist in die Miniatur,
wieder...

17.12.2009

okay...

Mein alter Freund und Zenmeister M. aus M. kommentierte den letzten Eintrag mit "okay..."

Nun werden einige Leute nicht viel mit dieser kryptischen Aussage anfangen koennen, aber "okay" bezeichnet eine vollstaendige Akzeptanz und Unterwerfung. Und die drei Punkte bedeuten Vollstaendigkeit - wie etwa bei der christlichen Trinitaet (Vater, Sohn, Hl. Geist).

Es umfasst auch:
- Geburt ist okay, Tod ist okay, und das Leben ist okay
- Ich bin okay, Du bist okay, Wir sind okay
- Hiersein ist okay, Dortsein ist okay, Nirgendwosein ist okay
- Gesundheit ist okay, Krankheit ist okay, alles dazwischen ist okay
- Zustimmen ist okay, Ablehnen ist okay, keine Ahnung haben ist okay
- Vorankommen ist okay, Steckenbleiben ist okay, Stop-and-Go ist okay
- Freud ist okay, Leid ist okay, Gnade ist okay
- okay ist okay, nicht-okay ist okay, und tabula rasa ist okay

Das sind natuerlich nur einige Aspekte, die M. aus M. im Sinn hatte mit 'okay...', und so sehen wir, hach, wie schwierig es sein kann, vermeintlich einfache Aussagen in ihrer vollen Tiefe auszuschoepfen.

02.12.2009

Calculating Infinity (hidden track)

Der Laeufer laeuft, bleibt stehen - und ist der Laeufer nie gewesen.
Ein zweiter siehts, macht beim Laufen stehende Bewegungen - und wundert sich: es zerrt an ihm!
In den Stand soll es ihn laufen. Mit Verstand soll es geschehen, und fuehrt nur zum Verlaufen.
Zumindest in die richtige Richtung soll es gehen. So holt er Rat sich bei Passanten; die Stehenden kann er nur umkreisen.
Schliesslich stroemt er, auf heilger Formel, sich zum Thron.
An rechter Seite will er ruhn, doch ach, Gebeine klappern ueberall, auch seine, und fueheren ihn spazieren mit dem Herrn der Gezeiten.
Und so zieht er noch immer mit lustgem Lied auf den Lippen durch ein All, das keine Regung kennt.

20.11.2009

Kommentare moeglich, jetzt!

A.K. aus N.Y. hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass man keine Kommentare hinterlassen kann auf diesem Blog. Nach einigem Raetselraten nun habe ich den Fehler behoben, und es kann, wer will, nach Herzenslaune, aber bitte im rechten Mass, und bitte auch melodisch, einen, oder mehrere, auch nichtaktuelle, aber doch hoffentlich relevante, oder zumindest unterhaltsame, aber keine albernen, jedenfalls nicht zu alberne, Kommentare hinterlassen.

Auf den Hund gekommen

Puenktlich zu meinem Abschied von der chronisch narkoleptischen Stadt ('city that never sleeps') wird das Wetter trueb. Die letzten Tage aber waren traumhaft - und wir haben ja schon Mitte November!

Traumhaft heisst: Im Central Park (auf dem Felsenhuegel am Suedende) im Sonnenschein einschlafen. Oder bei einem Spaziergang vom russischen Brighton Beach nach Coney Island (beides Sued-Brooklyn) die Sonne ueber der Bucht von New York untergehen sehen. Ich war vielleicht der einzige im T-Shirt, aber egal: Sonne scheint, ergo warm.

Morgen Abend geht es nun, yihah!, nach Oklahoma City, werde dabei aber gut 40 Stunden im Greyhound Bus unterwegs sein. Oklahoma liegt so ziemlich in der Mitte der USA, und entsprechend werde ich wohl Land und Leute auf der Fahrt wechseln sehen.

Die Amerikaner halten nicht sehr viel von Greyhound-Reisen. Gerueche & Komfort werden als nicht befriedigend eingeschaetzt. Aber what the heck, ich bin hier ja schliesslich auch auf anthropologischer Erkundung, da lasse ich mir den Hauch mid-western-Diner-Fett nebst streitlustiger Handygespraeche nicht entgehen!!!

16.11.2009

The County of old Men

Insgesamt war ich etwa zehn Tage in New Jersey auf Familienbesuch, in einer Wohngegend vorwiegend mit Bewohnern 55+. Eines Tages gingen mein Vetter und ich ins Gemeindehaus, um Poolbillard zu spielen. Gut, dass meine Tante nicht mitkam, denn schnell wurde deutlich, dass der Poolraum eine ausgesucht frauenlose Zone darstellt. Die Maenner ueber siebzig fluchten erquickend und zogen heitere Geschichten vom Leder. Ein besonders bejahrter Herr mit Augenklappe verfehlte einen Stoss und lamentierte "Ooooh, I'm blind", worauf sein Kumpel ihn aufheiterte mit "You're not only blind, you're stupid too!" Was eine Meute...
Dann waren wir abends im Kino, 'Men who stare at Goats', ein unterhaltsamer, aber doch recht alternativer Streifen. Doch, siehe, auch hier waren im Saal ausser uns nur drei Paare ueber siebzig, und am Ende wusste ich nicht, was lustiger war: der Film, die lauten Kommentare meiner Tante auf georgisch, oder die Empoerung der anderen Zuschauer, so ein knarrender Senior "This movie is a desaster!", begleitetes Gaehnen seiner Frau folgend.

15.11.2009

Manhattan - Stelen im Nebel

Odysseus und seine Gefaehrten fanden des Kyklopen Polyphem Hoehle verlassen vor, voller Nahrung, und machten es sich gemuetlich. Doch auch wenn sie hatten bleiben wollen, haette es wirklich ihre Heimat werden koennen? Der Hohlraum war einfach nicht fuer Menschen gemacht. So auch koennen keine Menschen Manhattan wirklich gerecht werden, es kann niemandes Heimat sein, und nur Naturgewalten koennten es wagen, den schieren Grandheur zu harmen. So war es auch wirklich Hochmut, als Odysseus den Kyklopen blindete, und dessen Vater Poseidon wuetete mit goettlichem Recht ueber ihn. Und aehnlich erging es, als es in Manhattan Tuerme regnete, und Vater Grossmacht blind ihren Blutzoll riss.
Wer blindete den Kyklopen? - "Niemand"! Und wer kappte die Tuerme? eine Chimaere, ein Niemand. Polyphem jammert im neunten Gesang der Odyssee "Ich erwartet' immer, ein großer und stattlicher Riese würde mich hier besuchen, mit großer Stärke gerüstet! Und nun kommt so ein Ding, so ein elender Wicht..." und so betete er zu Poseidon, und der liess Ulysses zehn Jahre nicht heimkehren. In der heutigen Geschichte ist es die USA auf der Irrfahrt gegen den Terror, und schon einige Jahre sind vergangen, ohne dass 'our boys' heimkehren konnten...

In H.G.Wells Zeitmaschine leben die Eloi sorgenfrei ihr unschuldiges Leben, und auch die Manhattener scheinen mir zu leben ohne zu ahnen, welch Erdenraub der suessen Fruechte Trieb ist. Dennoch: wer koennte dem Pulsieren widerstehen?

04.11.2009

,,,that never sleeps

Nun schon knapp zwei Wochen in New York City. Anstatt die ueberfrachteten Attraktionen wiederzukauen, beschreibe ich lieber die Ueberraschungen:
- Die Leute sind nett! Ich dachte, ich bekomme in Manhattan nur gestylte, Ellenbogen-Management-Typen zu sehen, aber weit gefehlt. Die meisten Leute auf den zugegeben vollen Trotoiren sehen sehr normal und empfaenglich aus.
- Die Architektur ist nicht nur grandios, sondern groestenteils auch sehr schoen. Manhattan ist voller Bauwerke, die fuer sich allein Attraktionen sind. Und das sind nicht nur die klassischen und wirklich formschonen Empire State, Chrystler Building & Co. Eher sieht man kaum Haeuser, die keine bemerkenswerten Details aufweisen.
- Auffaellig ist die grosse juedische Gemeinde. Ueberall sind die Huete, Kippas und Synagogen. Auf Plaketten sind ihre Spenden und Wuerdigungen verewigt, und wer hier in New York einigermassen etwas mit Fotografie zu tun hat, der kennt lustigerweise den juedischen Kalender fast auswendig - DER Fotoladen in Manhatten hat an den entsprechenden Feiertagen zu...
Ausser in Manhattan herumzulaufen, die Buechereien zu besuchen und Zeit mit meinen Gastgebern zu verbringen, war ich auch knapp eine Woche in einem Ashram in Queens. Ich glaube so sehr viele Ashrams gibt es hier nicht in der Stadt. Sri Ramana und seine Freunde haben mal wieder zuschlagen, und haben schon angekuendigt es in San Francisco zu tun.
Am Wochenende ist erstmal Golf Spielen angesagt und ausspannen -

01.11.2009

Transition


Sei auf dem Rad, und nie geht es bergauf oder auch nur laenger in die Ebene. Stattdessen ein langer Abhang, sanft zumeist und gerade - so dass du die Haende vom Lenker nehmen und die Augen schliessen kannst, nur der Fahrtwind in den Haaren und die gruene Luft in den Lungen, und nichts gibt es zu tun als den Fluchtpunkt ziehen zu sehen. Du spuerst den Boden unter den Raedern rollen und der warme Herbsttag schmeichelt der Haut...
So kann ein Monat Cape Breton sein... Ansonsten verfaerbt sich im Oktober das Laub von Grun zu Gelb, Braun oder Feeuerrot, und vom 9-16 Oktober erlebt der Tourismus deshalb nochmal einen kleinen Hoehepunkt, bevor die Saison dann komplett zum Ende kommt.
Die meisten Touris hier haben schon Elche gesehen, oder gar Schwarzbaeren. Ich bekam bislang nur ein Kaninchen zu sehen, eine Kroete, zwei kleine Schlangen, ein Wildhuhn und natuerlich die Familie von Weisskopfseeadler, die hier am Strand ihr Revier hat. Auf dem Weg zurueck nach Halifax hatte ich schliesslich meine Elche - die Fuesse abgehackt auf der Ladeflaeche eines Pickups; Jaeger auf dem Weg nach Hause. Auf dem gleichen Parkplatz stand ein Kurier, auf dem Logo ein Elch mit Fluegeln, aufwaerts strebend. So sieht also ein Elch-Engel aus im Elch-Himmel und die Elch-Seele des coupierten Ladeflaechen-Elches ergeht sich nun in himmlischen Genuessen.
Halifax war dann wieder die grosse Stadt: Mit meinen Gastgebern haben wir das kanadische Thanksgiving gefeiert, Kuerbisse wurden geschnitzt, viel Essen wanderte von Topf zu Teller, auf Loeffel, in den Mund, und schwer in den Magen.
Auf dem Foto uebrigens bin ich mit Pam zu sehen - die Besitzerin der Herberge, in der ich einen Monat auf Cape Breton arbeitete. Sie ist 30 Jahre alt, war ihr Leben lang nur in Nova Scotia, im fuenften Monat schwanger, ihr Mann Fischer, und beide wirklich herzensliebe Leute.

05.10.2009

In Sri Ramana

Wie war es denn nun im Ashram? Der Tagesablauf ist banal: Aufstehen um 4, von 4.30 bis 7.30 Gesaenge vom Band, Stilles Sitzen und Lektuere des Klassikers 'Yoga Vasishta', das z.B. Hesses Glasperlenspiel beeinflusst hat. Dann eigene Lektuere oder ein Nickerchen, Fruehstueck, Garten- oder andere Arbeit, Kochen, Mittagessen, Freizeit, Abendmeditation - banal eben. Und was ist das subtile Werk? yoga-citta-vrrti-nirodha... Wenn die Erscheinungen der Vergangenheit zur Ruhe kommen, steigt feines Magma auf, und der Wind, der noch im Moos und Grass sich schnitt, findet keinen Halt, schwebt ueber der Oednis, und stillt und stillt das Gefluester. Doch: Neti! Neti! 'Das ist es nicht' spricht der Geist, der stets verneint, und der Widersacher der Erscheinungen, er wird zum letzten der Gefaehrten, und die Reibefunken seines Kleides entflammen den Geist wie Schweifsterne das baffe Kinderauge...

07.08.2009

Tanz: ruckhaft, daumengross

Wow, schon wieder ist ein Monat vorbei. Ist die Welt noch die gleiche? Abgekoppelt von der Medienblase reiht sich jedes Erwachen als neue Perle an die Schnur des Lebens, mal farbig, mal opak. Und die Adern im Marmor des Wachens zaubern stets neue Traumgestalten auf die Leinwand des Alltags. Und im Flackerlicht der Geistsekunden daemmert den Goetzen ihr Abschied. Nach Wiederwochen im Spiegel der conditio humana naht die Wiederzeit der Einkehr. Sri Ramana wirft seine Schatten aufs Spiel. Schon als ich letzte Woche den cirque du soleil hier in Quebec sah, erspaehte ich Nietzsche und Adorno in den hinteren Reihen. Fuer sie war alle Show reine Decadence & Kulturindustrie. Aber warum sie dann ueberhaupt da waren...?! Der stumme Gautama jedenfalls erschien auch und befriedete mit den Worten "Diese Menschen moegen fliegen oder ihr Rueckgrat ins Grotesque verbiegen koennen, doch sind sie befreit vom Leid?" Diese wie so viele andere seiner Fragen war natuerlich rhetorisch - ein sanfter Hinweis darauf, dass sich das Regelwerk aendert - an der Nabe der Montage wirkt ein kleiner Hebel.

Wo ist der Abdruck aller Erfahrung, dieses Mal, das Kain als erster auf ewig trug; das ihn schuetzte und doch fuer immer zeichnete? Und wohin schwinden wir, wenn wir den Geist im sysiphosischen Gleichlauf schrumpfen sehen? Diesen Geist, der uns im Dickicht schuf - ihn am siebtenTage sein lassen, heisst einen Klang von Freiheit durch den Aether zucken hoeren...

08.07.2009

Random Encounters

Ein typisch untypischer Tag: Spaet raus, Museum zu (klar, ist ja Montag), auf dem Rasen davor eingenickt, dann auf dem Weg Galerien zu besuchen, bin gleich bei der ersten haengengeblieben und mich etwa vier Stunden mit dem Galeristen-Kuenstler Andrew Wei unterhalten ueber alles Moegliche und den Kunstmarkt im Besonderen, der armenische Teppichhaendler von Nebenan gibt nen Kaffee aus & ergaeht sich in Weltpolitik. Andrew erzaelt ueber die notwendigen Fehlgriffe auf dem Weg zum Kunsthaendler, nippt bestaendig an seinem Rotwein, denn eigentlich war die Galerie zu (klar, ist ja Montag), aber ich bin einfach reingegangen. Die Tochter des Botschafters von Sigapur (dah, so what?) kommt vorbei, weil sie Angst hat, ein chinesisches Bild ueberbezahlt zu haben, Andrew sagt, ja, um die 30%, aber wenns gefaellt, ists ok. Andrews Frau ist 30 Jahre juenger & charming und so geht der Nachmittag vorbei. Spaeter auf dem Jazzfest laesst mich Chefkoch Yves ellsaessischen Riesling probieren, naja Riesling halt, aber schoen kuehl. Er traeumt von Indonesien & dort oefter zu sein & zu tauchen, also woertlich schon fast: abzutauchen. Am Wegesrand liest irgendein Dude Eliade (wer tut das noch nowadays? hmm, vielleicht ein Student) - Random Encounters...

02.07.2009

Canada Day in der Hauptstadt Ottawa

Am fruehen Morgen ging ich ins Museum of Civilizations, die haben dort etliche ueber 10 Meter hohe Totempfaehle aus richtig grosen, dicken Baumstaemmen & diese neben der ganzen indianischen und Innuit-Kunst und Musik machen so deutlich, dass die alte Kultur hier vollstaendig auf schamanischer Extase beruht - Naeheres findet man sicher bei Mircea Eliade - die aegyptische Ausstellung hingegen macht ebenso deutlich, wie sehr dort Schrift, Wissen, Macht & Kontrolle den Mind bestimmten. Die alten Legenden der Indianer handeln von der mystischen Einheit von Mensch, Tier, Goettern und Natur - die aeltesten aegyptischen Rollen Texte sind Zauberformeln zur manipulativen Kontrolle der Menschen und der Umwelt. Letztlich weiss ich nicht was trauriger ist: dass die Weissen so wesentlich zum Ende der Aborigines-Kultur beigetragen haben oder dass die Indianerstaemme selber nur noch an den plakativen Taenzen und Gebraeuchen ihrer Kultur festhalten koennen. Alas, wo sind gute Schamanen, wenn man sie mal braucht!?

Zur Stadt kam ich an einem Strassensaxofonisten vorbei, der locker von kanadischen Hymnen zu Star Wars & Darth Vader Erkennungsmelodien schwenkte. O Deutschland, wann wirst du so locker mit Nation wedeln koennen?

Tagsueber kleine pompige Shows auf grosser Buehne, auf der Strasse, tanzen Hare Krishnas, schneller als gewohnt, etwas viel Techno fuer Devotionalia, einen Meter weiter blaest eine Falun Gong Kapelle den Marsch, peruanische Floeten versuchen dagegenzuhalten und auf dem Jazzgelaende gestrandet haelt ein Platzregen die unterforderte Menge bei Laune, waehrend wir regenbeschirmt auf dem Rasen sitzen, teilweise mit Eistuete & auf das beeindruckende Hinterteil eines Mannes schielen, der gerade eine Verwoehnmassage auf dem Bauchstuhl erhaelt, sein Kinn nach vorne streckend als sei er der Kapitaen auf der Bruecke des dazugehoerigen Eisbrechers.

Eine Stunde zuvor nahmen wir an einer Flashmob Veranstaltung teil, einem Street Freeze, wobei wir als recht unorganisierte Gruppe mitten auf der Strasse eine Pose einnahmen und uns fuenf Minuten nicht bewegten. Zugegeben, nicht gerade unsere Erfindung, aber macht Spass & es gibt genug Passanten, die es noch nicht kennen & entsprechende Blicke saeen. (In New York macht man das natuerlich supercool, hier ist ein Video http://www.youtube.com/watch?v=jwMj3PJDxuo).

Auf Major's Hill wollte ich unbedingt ins Japan-zelt & Origami basteln, aber o, wie blieb mir das versagt. Und wieder mal fiel mir auf, wie riesig die Wolken hier sind, cumulus-auf-cumulus-auf-cumulus - als haetten die Wolken hier mehr Luft zum Atmen. Ueberhaupt wird mir hier ganz kanadisch ums Herz: Als die koenigliche Garde mit dem Bus vorbeifuhr, nahm ich spontan meine Biofarm-Muetze vom Kopf, bei der Nationalhymne stand ich mit rotem Shirt & geschwollener Brust & ergriffen-erstickter Kehle da & pfiff selig das 'O Canada' mit, soweit ich die Melodie kannte, und als schliesslich einer der Musiker am Abend in die Menge rief "Aaaare you proud to be citizens of the best country in the woooorld?" war ich einer von ihnen, totally, und johlte und schrie in patriotischer Extase "We're the best - Fuck the rest!", na gut, vielleicht war das ein bisschen viel des Guten, aber es hat mich einfach mitgerissen...

Die Abendveranstaltung also am Parliament Hill schliesslich gab uns einen Knaller nach dem anderen, im Klartext: mannomann, war die Mucke super-crap, auf deutsch: richtig uebel! hat Canada nicht besseres zu bieten? Ah well, der Abend schloss mit der famosen Sarah McLachlan, das war ein Trost. Tags zuvor hat sie auf dem Gelaende geprobt, circa 40 Minuten, und die 50 Leute, die sich mit mir fuer die Proben eingefunden hatten, konnten sich ganz leger auf den Rasen legen & sich das unoffizielle Konzert zu Gemuete fuehren. Nach der Musik 15 Minuten Feuerwerk, ochjoo, den Leuten hats gefallen, vielleicht dachten die Organisatoren, dass man bei Alkohol sowieso das Zeitgefuehl verliert & 15 Minuten wie zwei Stunden wirken & sie sich ergo ein endloses Geballer sparen koennen. Es gab also ein beherztes 'Ahhh' & 'Oooh' und beinahne ist auch mir ein Laut entfahren. But seriously, the day was great fun!!!

Next stop: Montreal

21.06.2009

Nach der Farm ist vor der Stadt

Mann, schon wieder ist soviel passiert, schon wieder so wenig geschrieben... Also, die letzte Woche in Toronto war sehr entspannt, viele Festiwals, Blues, Kunst, Theater, internationales Drumevent, alles kostenlos, die Menschen zieht's, mich auch - schoen ist es, muse zu haben & muesiggaenger zu sein!

Dann war ich zwei Wochen auf Vickie's & Tim's Veggie Organic Farm in Prince Edward County, eine Halbinsel so zwischen Toronto und Ottawa, gute koerperliche Arbeit, koestliche co-worker & einige stylish wie noch nie gesehen, z.b. Stacey: knallgelbe Regenjacke, knappe Shorts, grosse Sonnenbrille, blondiert, mit der grossen giess-sprueh-pistole in der hand, locker die saemlinge am gruenhaus giessend - sah aus, als ob Coco Chanel auf den Mars entfuehrt, dann versehentlich nach gleissend Tokyo gebracht & schliesslich, als sei's nicht genug, auf einer Biofarm ihren Frieden gefunden haette.

Tim & Vicky waren super, ihre kleine Tochter Sage immer fuer Heulen, Lachen, Spielen, Noergeln gut. Ich war mit auf Vickies Grossmutters Geburtstag, sie wurde 97 & es war nur die engste Familie da. Nachdem ihr Mann letztes Jahr mit 100 starb, ging es mit Grossmama auch langssam bergab, so dass sie nun Hoergeraet und elektrischen Rollstuhl benoetigt. Die Party endete damit, dass die Oma mit dem Grossenkel auf dem Schoss auf dem E-Rollstuhl sich im Wohnzimmer ein Rennen mit der Grossenkelin auf der Gehhilfe lieferte - dann wurde Oma doch ein wenig muede und einige andere aus der Family hatten Spass mit dem Rolli...

Dann hatte ich auch einen kleinen Workshop, wie man Kaese macht aus Milch, Ricotta & Feta.
& ansonsten habe ich Huehnereier geerntet, gepflanzt, gejaetet, getragen & gezogen und am letzten Abend hatten wir eine tolle Kostuemparty in einem historischen Haus am See, hauptsaechlich Disco-Music auf altem Vinyl.

Dieses Wochenende schliesslich war ich in Kingston, der ehemaligen Hauptstadt Kanadas, klein, nett, ueberschaubare Szene. Es gab auch hier ein Festival und abends Avangarde-Veranstaltungen, wie man sie in guten Tagen in Berlin-Ost finden koennte, das Wetter maessig, die Leute klasse. Heute Abend geht es nach Ottawa, in die richtige Hauptstadt - habe schon eine Mitfahrgelegenheit & werde weiteres ueber Land & Leute erfahren...

02.06.2009

Noch eine Woche Toronto

Habe schon eine Weile nichts mehr geschrieben - wie soll ich das nun zusammenfassen?
Vielleicht erstmal musikalisch. Ich habe hier wahrscheinlich den besten 'Gaspard de la nuit' gehoert, der mir live vergoennt sein wird. Dieses Pianostueck von Ravel ist ungewoehnlich schoen und komplex, kaum zu ueberbieten von der Argerich eingespielt - aber live durfte ich es eben hier in der Oper hoeren. Dann habe ich vor einigen Tagen eine sehr schoene Schumann-Fantasie Op.17, aber schon an ihren Grenzen, und schliesslich habe ich Arensky zum ersten Mal bewusst gehoert, tolle Harmonien von einem der Lehrer Rachmaninovs.

Den Besuch der Art Gallery of Ontario (AGO) sollte man nicht verpassen, wenn man in Toronto ist. Spektakulaere Architektur, riiiiesenflaeche, alles moegliche ist hier vertreten, einige Picassos aus der blauen Periode, an Rodins 'Denker' gehen die Kanadier schon vorbei, ohne ihm gross Beachtung zu schenken; Warhol und weitere kontemporaere Kunst und natuerlich die im wahrsten Sinne fantastische Kunst der kanadischen Aborigines usw. usf.

Gestern war ich mit der Couchsurfing-Community von Toronto in Kensington Market zu einer Art Volksfest, dort haben wir 'free hugs' verteilt, was ziemlich gut ankam - sollte man auch in Deutschland einfuehren.

Ach ja, vor ein paar Tagen war ich mit einigen Leuten in Greektown, dort gab es in einem griechischen Lokal wirklich gute arabische Live-Musik, einigen Bauchtanz und insgesamt eine mir bekannte, fast israelische Stimmung.

Ansonsten laufe ich gerne noch durch die Stadt, lege mich bei schoenem Wetter in den Queen's Park und besuche die Galerien, die ich noch nicht gesehen habe. In der sehr interessanteren Meta-Gallery werden internationale visionary artists ausgestellt, u.a. auch der mir sehr bekannte Andrew Jones und in einigen Wochen werde ich leider dort eine Ausstellung des selten gesehenen Alex Grey verpassen, aber einige Bilder durfte ich schon in den hinteren Raeumen bestaunen.

Letztes Wochenende durfte ich eine halbe Stunde mit fernbedienten Segelbooten spielen - zwei koestliche Rentner sassen hier am See und haben sich lautlose Verfolgungsjagden geliefert - in Zeitlupe! Dann durften Ian und ich uebernehmen und fanden, dass die Sache ziemlich entspannend und nicht kostenintensiv ist. Vielleicht legt man sich sowas mal zu...

Bilder folgen bald...

15.05.2009

Toronto an der Sonne

Heute unangekuendigt strahlende Sonne. War mit meinem aktuellen Gastgeber Ian (http://www.couchsurfing.org/people/iclendening/) spazieren, er ist dann arbeiten gegangen und ich bin im riesen Kuenstlerhaus geblieben, wo ich auf der Dachterasse wunderbar meditieren konnte. Gestern gab es eine ziemlich grosse (natuerlich friedliche) Demonstration von Tamilen gegen die schlimmen Vorgaenge in Sri Lanka - ein guter Anlass, um mit meinem hier ansaessigen tamilischen Kumpel Jeya und seiner Familie die Sache aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Heute morgen dann Jeya und ich vor der Oeffnungszeit in eine Mall, wo wir einen Morgenkaffe tranken und etwa dreissig Chinesen beim morgendlichen Tai Chi zugeschaut haben - mann, schon das Zuschauen ist total entspannend! Naechste Woche bekomme ich dann von meiner uebernaechsten Gastgeberin Paula (http://www.couchsurfing.org/people/onefunnybabe/) privaten Qigong-Unterricht, was bestimmt Klasse wird. Wie sagte so schoen Nisargadatta Maharaj: "The unexpected is bound to happen" - wie wahr, wie wahr...

09.05.2009

Toronto im Regen

Heute morgen hat es wie angekuendigt wie aus Eimern geschuettet. Ich bin daher in die oeffentliche Bib gefahren, man kann hier internetten und lesen - und siehe da, gibt es doch zufaellig in der Bib eine nationale comic convention mit den Kuenstlern, die ihre Werke ausstellen und gerne fuer Gespraeche zur Verfuegung stehen.

Die Stadt ist schon lustig, die Leute sind sehr offen und gar nicht so wie in Germanien. Ein Strassenmusiker war etwa gerade dabei eine Zigarettenpause zu machen, da blafft ihn ein vorbeilaufender Passant an "Du sollst hier Musik machen und nicht rauchen!" genauso witzig fuer mich, dass der Musiker dazu keine Miene verzogen hat.

Dann, als wir rumliefen, sass da ein Asiate, der Dijeridu spielte (keine Ahnung, wie das geschrieben wird, das australische Blasrohr halt), vor ihm stand ein Typ mit einer Kamera - und gleich tags darauf sah ich dieses Bild in der hiesigen Gazette auf der Titelseite.

Hier auf der Comic Convention ruft am Eingang andauernd "Illegal Comics - Self published - so cheap, it's almost illegal", bis er sich dann "so good, it's almost illegal" verhaspelte...



Hier noch kleine Notizen, die mir im Flug ueber dem geborstenen Eis und in Torontoer Parks kamen:

Stille bricht in Tonkristalle,
Zeitfunken glimmen
(Dabei hoerte ich Goulds Interpretation von William Byrds "Hugh Aston's Ground")


Flug ist ein Wunder
Nur wenn er lautlos ist


Auch dieser Flug ist Issa!
(Kobayashi Issa, 1763-1838, Haiku-Dichter)


Wie sollten sich Fleischklumpen verstaendigen koennen
Ohne Gottes schrecklichen Odem?


Es gibt Selbstgespraeche
Derer werden wir erst gewahr
Wenn wir zur Aufloesung abtauchen


"Freiheit ausreizen" kann nur bedeuten
Sich an der Grenze zur Unfreiheit aufzuhalten

Wie waere ein Traum mit Regeln -
Auch dazu, wie man die Regeln brechen kann?

08.05.2009

Toronto, erster Tag

Mein alter Kumpel Jeya hat mich heute am Flughafen abgeholt. Wir haben mein Zimmer begutachtet und sind mit leichtem Gepaeck gleich auf eine Stadtwanderung gegangen. Hauptsaechlich in Downtown gelaufen, konnte ich schon die Vielfalt in Toronto erleben. Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, wo so viele verschiedene 'Ethnien' zusammenleben. Die Stadt ist bestimmt keine Schoenheit, aber ich werde in der naechsten Zeit schon herausfinden, was es hier so zu sehen gibt. Samstag abend steht erstmal ein klassisches SriLankanisches Essen an im tamilischen Viertel von Toronto.

23.04.2009

Letztes Mal vom Kloster






23. April Das ist der letzte Eintrag aus dem Kloster Dhammapala. In zehn Tagen bin ich wieder kurz in Deutschland und dann schon in Kanada… Vor acht Tagen hatten wir mal wieder einen Wandertag. Zu fünft fuhren wir mit der Seilbahn zum Sunnbüel auf 1920m und liefen dann in etwa fünf Stunden (mit vielen Pausen und Mittagessen natürlich) zum Gemmipass auf 2310m Höhe. Es ist eine beeindruckende Route mit fast außerirdischen Bergpanoramen (es liegt dort oben noch dick Schnee) und am Gemmipass gibt es schließlich eine eindrucksvolle Sicht auf die erste und zweite Alpenkette, einschließlich eines klein zu sehenden Matterhorns. Der Himmel war klar und tiefblau, Greifvögel auf gewundenen Bahnen, steile Hänge, ein überschneiter Bergsee und die karge Vegetation hinterließen einen mächtigen Eindruck und lassen die Mühe unbereut.

Gestern folgte nun schon der nächste Wandertag, und da liefen wir zu dritt hoch zum Oeschinensee auf knapp 1600m, auch eine tolle Strecke, schneefrei mittlerweile, an senkrechten Berghängen und Wasserfällen entlang zum (zu dieser Zeit) verlassenen See, der wie ein kostbares Geheimnis von den umliegenden Bergketten umrankt ist. Das blaue Wasser schimmerte stellenweise schon durch die berstende Eisfläche, ein Fischer versuchte sein Glück, geduldig, erfolglos. Der Weg zurück ging steiler hinab als er sich hinauf angefühlt hatte und so lief ich meistens rückwärts – ist besser für die Knie und bietet eine frische Perspektive für Körper und Geist. Das Wetter war wieder, wie bestellt, sonnig und herrlich zum Wandern.

16.04.2009

Noch zwei Wochen Kloster


16. April

Vom 10-13 April hatten wir hier ein Osterretreat, bei dem der gemütliche Tagesablauf zur
Abwechselung einem dichteren Tagesablauf wich, d.h. jeweils etwa vier Stunden Sitz- und vier
Gehmeditation. Es waren sehr nette Leute da, auch viele junge, also Anfang bis Mitte Zwanzig.

Da ich einige lyrische Momente hatte, folgen hier drei Gedichte, die ich währenddessen schrieb…

Am Kloster nah
Bedingt durch Schmelz
Ein Wasserfall, ein kleiner,
So fein, er kommt nicht unten an.
Er spricht:
„Immer neu und neu ich falle,
zu und zu ins Nichts hinein.“
Und wenn versiegt?
Dann spricht nichts mehr.
---

Man sitzt auf Bänken
Mit Tee und sonst’gem Heißgetränk
Die Himmel sind gestillt
Ein Bach plätschert vor sich hin
Kurz hebt an die Luft
Ein Wind an Haut und Haaren
Und mir wird klar:
So wie der Wind im Weltenhauch
So pfeift Gefühl-Gedanke durchs Gemüt
---

‚Das Haus sei ein Schmutzwinkel’ sagt der stumme Gotama
Und warum? Weil es keine wirkliche Heimat bietet –
Und alles, was die Welt verstrickt, mit solch Versprechen lockt es nur:
‚Mach dich sesshaft! Haus, Familie, Freunde und Dinge schare um dich herum!
So gesichert leb in Frieden!’
Wer sucht nach Schutz, Geborgenheit und Stille
Dem so wird angeraten
Mit Klarblick sieht der Weise nun:
Das Leben schwankt, nicht wie ich will es!
Das Gute will gehortet, der Schrecken will gemieden sein…
Doch allzu kläglich das misslingt
Der Schluss aus weisem Mund klärt:
‚Egal, wie Pflichtwerk in der Welt sich zeigt, Heimat nur in innrer Stille liegt’
Und ist auch sie vergänglich, so segle ich doch gestärkt
Auf zügellos-immensem Meer anderen Menschen entgegen
Der Heimat Kleinod im Gepäck

09.04.2009

Mitte April

28. März
Wie gewohnt: Alles bleibt anders! Der Bart ist ab, der Winterrückzug beendet, das Haus voller Thais, und der Föhn ist da. Die äußere Stille ist also weg, das Gewimmel hallt im inneren Raum nach. Der Wind verfängt sich in den Bäumen, die teils unwillig knarzen, und die Schneemassen sind - so scheint es zumindest derzeit - den Böen ergeben.


8. April
Gestern hatten wir wieder einen Wandertag. Die mittlerweile vier neuen Gäste sind eigenen Weges eingeschlagen, und Jivan, Catherine und ich sind zum ca. fünf Kilometer entfernten Blausee gewandert. Der See ist wirklich sehr blau, allerdings mehr ein Weiher als ein See. Der Blick darauf ist schön und auch die darin gezüchteten Forellen machen irgendwie was her - wenn man davon absieht, dass die meisten Forellen im direkt an den See gebauten Restaurant landen. Nach dem kleinen Piquenique gen Weiher war das Glanzstück aber der Spielplatz mit einer hochkomfortablen Hängematte für vier Personen. So lagen wir denn danieder, wohlgenährt, sonnenbeschienen und luftumspült, von den sanften Schaukelbewegungen in höchst unbuddhistische Wonnen gehoben.

Ende März wurde der Winterrückzug des Klosters offiziell beendet, mit Taraa und Tamtam sozusagen. Der ehemalige Abt Ajahn Tiradhammo war zu Besuch und hat, da er sehr gut Thai spricht, ein Retreat für Thais gegeben. Traditionell sind Thais sehr spendefreudig bezüglich Klöstern, und entsprechend gab es ausladende Buffets und reichlich Lebensmittelgaben. Die Besucher waren bunt gemischt, von UNO-Angehörigen zu Restaurantbesitzern, von kritisch Spirituellen zu traditionell devotionalen Buddhisten. Erfreulicherweise brauchte ich mich nicht um viel mehr zu kümmern als um die Vorsortierung der mitgebrachten Lebensmittel und - zusammen mit Anagarika Robert - um das Frühstück.

"Anagarika" bedeutet wörtlich "der Hauslose" und bezeichnet die erste Stufe der buddhistischen Ordination. Zumindest im Westen kümmern sich die Anagarikas um die Organisation der Klöster, etwa in Geld- und Lebensmittelfragen und stellen ein Bindeglied zwischen Laien und Mönchen dar. Aber so ganz genau kenne ich mich in der monastischen Aufgabenteilung nicht aus. Jedenfalls hat vor einigen Tagen Jivan - so wie es schon länger abgesprochen war - diese erste Ordination vollzogen und ist damit der zweite Anagarika im Kloster Dhammapala. Er ist zwar noch der gleiche wie zuvor, gehört jetzt aber mehr "zu ihnen": Weiße Kleidung, Mahlzeiten mit den Mönchen und andere Verantwortung.

Eigentlich wollte ich mich nicht mehr zum Wetter äußern, weil es immer just am folgenden Tage umgeschlagen ist, aber der Winter zieht sich doch offensichtlich in Erde und Himmel zurück, um erst im November wiederzukehren. Die Nächte sind klar und sternenreich, und so bieten die stillen Minuten gegen fünf Uhr früh draussen auf der Sitzbank mit dampfend Tee und kühler Brise Gelegenheit für erbauliche Betrachtungen, so wie sie Shakespeare Prospero in den Mund legte: "Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind bestanden, und unser karges Leben ist rings in Schlaf getaucht."

Dann folgt die Morgenmeditation, die wieder dem regulären Tagesplan gemäß um 5:30 Uhr stattfindet. "Meditation" ist doch wirklich ein blödes Wort, denn "nachdenken" wie das lateinische "meditari" nahelegt, tun wir ja wirklich nicht, sondern in gewisser Weise das Gegenteil. Deshalb habe ich mir einen zeitgemäßen und trendigen Begriff einfallen lassen, der das ganze viel besser ausdrückt und die heranwachsenden Generationen anspricht: Es heißt jetzt also nicht mehr "meditieren" sondern "mindsurfen" (und bitte zitiert mich, wenn Ihr den Begriff in Umlauf bringt).

Zum morgentlichen Mindsurfen sind nun also vier neue Gäste zugegen: Angelique und Huan aus der französischen & Rea aus der deutschen Schweiz, und die mir schon vom November gut bekannte Irmgard aus Schwaben. Zwischendurch war auch Susan aus Michigan da und das gab einen lustigen Sprachmix: Susan sprach nur Englisch, Irmgard nur Deutsch, und Angelique und Huan fast nur Französisch - so holt man sich die Welt ins Haus. Unser Refugium wird also deutlich belebter, auch wenn drei der Monastics für einen Monat nach England gefahren sind. Am Samstag beginnt auch schon das nächste Mindsurfing-Retreat, an dem wahrscheinlich zwei meiner Freunde teilnehmen werden. Dann heißt es für drei Tage nicht mehr zwei sondern eher acht Stunden (und jetzt ziehe ich den Begriff auch durch) Mindsurfen.

Abschließend noch ein daoistisches Kleinod von Meister Liä:
"Statt heißem Wünschen, wildem Wollen
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen
Sich aufzugeben, ist Genuß."

24.03.2009

Ende März


16. März
Seit einigen Tagen ist hier Tauwetter am Wirken. Insekten kommen aus unbekanntem Hort, und Eichhörnchen tummeln sich ab und an im First, achselzuckend durchs Fenster schauend, warum die Menschenkinder bewegungslos mit gekreuzten Beinen in der Halle sitzen. Bussarde ziehen ihre Bahnen, und schon hat Bhante Nandeo an hellichtem Tage ein Reh gesehen. Im Unterland, heißt es, blühen schon erste Krokusse und Scheeglöckchen, hier oben aber erwarten wir noch den Föhn.

Bei all diesen Vorzeichen des Frühlings möchte man mit Lenaus 'Don Juan' fragen:

Wie mag den armen Mönchen sein zu Mut,

Wenn der Naturschrei weckt verhaltne Glut?

O finstrer Wahnsinn! blutendes Entsagen,
Wo rings des Gottes warme Pulse schlagen.


Doch scheinen die Mönche hier sicher in der Buddhalehre gefestigt, und ich meine, dass sie das Naturerwachen fruchtbar in ihre Praxis einbeziehen.
Von all dem unberührt sind ringsum die hohen Gipfel. Zeitlos recken sie die weißen Spitzen in den Äther, dem Himmel zum ewigen Gruß. In der Nacht vom Mond beschienen, schmeicheln die Massive durch alabasterne Blässe, und am Morgen, mit feurig beschienener Haube, lockt der Tag.

Die Gespräche von uns Gästen ranken sich um die Fragen, die uns der Geist bei den Vertiefungsübungen stellt. Sehen wir dabei wie Brecht am Ende "betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen", so ist das doch Teil der täglichen Übung - oder wie Jünger es ausdrückte "der Annäherung".
Gestern Abend ermuterte uns der Abt, Ajahn Khemasiri, die Praxis auf unsere Art fortzusetzen, und so gleiten auf diese sanfte bestärkende Art die Schwebestoffe des Geistes nach und nach hinab und hinterlassen in der ruhegeborenen Abgeschiedenheit ein offenes Verständis der Zen-Poesie, z.B.:

Der Widerschein des silbernen Mondes

Folgt dem Lauf der Wellen.
Die Wolken begleiten

Den reinen Wind.



18. März

Heute schien wieder wunderbar die Sonne, wir hatten eine Art Wandertag, ich ging in zügigem Marsch durch den Schnee, machte Rast an der klassischen Berghütte und dichtete:


Vielfach glitzert das helle Licht

Auf den Flügeln der Bergwespe,

Gestochen scharf ihr Skelett.

Erst ist sie schön, dann nervt sie,

Dann ist sie weg.

****
Die Lawine dröhnt "Gestein!" und "Schnee!"
Welch ein Spektakel!

So dröhnt und bricht es immerfort,

Mann, wann hört der Krach endlich auf.



23. März

Die Zeit geht schnell vorbei, der Bart wird länger. Wir alle sind mittlerweile ein eingespieltes Team.
Übers Wochenende war Stefanie aus Freiburg da. Sicher, eine Abwechselung, aber langweilig ist es auch so bestimmt nicht. Trotz der gleichen Gemüsesorten etwa, schaffen wir es doch, immer wieder andere Mahlzeiten zu produzieren, alles schmeckt gut und ist getragen von der guten Absicht.

Die Katze (sie hat wirklich keinen Namen) ist ein Symbol für das Ungewisse. Man weiß nie, wie sie aufgelegt ist. Seit einiger Zeit pinkelt sie an Stellen, wo es nicht nett ist - etwa hinter dem Buddha, tsstsstss. Aber sie ist auch alt, schon über sechszehn, und wahrscheinlich schwerhörig. Sie sitzt oft auf der Fensterbank und schaut hinaus. Vielleicht trauert sie ihrer Jugend nach, vielleicht findet sich im kleinen schwarzen Kopf aber auch ein unendlicher Raum unbekannter Möglichkeiten. Wieauchimmer, wahrscheinlich gibt es nur wenige so gute Altersruhesitze für eine Katze wie ein buddhistisches Kloster.

In der asketischen thailändischen Waldtradition (in der auch das Dhammapala steht) wird auf die Tugendübungen viel Wert gelegt. Danach gehen die Mönche einsam in den Wald meditieren, mit genügend bedrohlichen Tieren, zum Beispiel Tigern. Dennoch kommt es zu keinen Unglücksfällen. Die mönchische Tradition ist überzeugt davon, dass das durch die hochentwickelte Güte der Mönche bedingt ist - und wer möchte ihnen da widersprechen?


Die Meditationen sind immer erfreulicherweise immer wieder neu, und ich könnte nie vorhersagen, was passiert. Da ich durch die Texte und die allgemeine Atmosphäre hier inspiriert bin, konnte ich bislang auch darauf vertrauen, dass die Medi spannend bleibt. Eine Stunde Ewigkeit kann sich zwar sehr in die Länge ziehen, aber schläfrig oder gelangweilt war mir bisher nicht zumute. Auch muss ich mich nicht besonders anstrengen, weil mir die besondere Anstrengung glücklicherweise über die Jahre abhanden gekommen ist. Vielleicht ein Staubkorn des daoistischen "Wu Wei" (Handeln im Nicht-handeln) - auf deutsch würde man wohl unromantischer "Gelassenheit" sagen.


Am Wochenende wird hier ein Thai-Retreat stattfinden. Jivam wird mit Ajahn Khemasiri auf eine Berghütte fahren, Catherine fährt auch irgendwo durch die Schweiz. Ashin Ottama meinte dazu in etwa, wenn die Thailänder die Küche übernehmen, sollte man lieber nicht im Weg stehen. Ich bin also gespannt, wie sich der Laden für einige Tage um die thailändischen Gebräuche herum organisieren wird.


Übrigens liegt hier noch eine Schneedecke, doch geschneit hat es seit über zehn Tagen nicht mehr, meine ich. Der Schnee zieht sich also zurück, und auch wenn es zuweilen kalt ist, liefert der wolkenfreie Sonnenschein die blanke Wärme. Dann gibt es nichts Schöneres, als mit einem guten Tee auf dem Balkon der Meditationshalle ein Buch zu lesen, sich etwas Sonnenbräune angedeihen zu lassen und in die Weite zu driften.



24. März Das Wetter scheint nur darauf zu warten, dass ich mal wieder das Ende des Winters sehe, um dann nochmal umzuschwenken. Über Nacht ist wieder 15cm Neuschnee gefallen, und es schneit weiter. Ich habe die Gunst der Stunde genutzt, um in körperlicher Ertüchtigung den Parkplatz und den Hof schneezuräumen. Schon seltsam, dass hier fast sechs Monate im Jahr Schnee liegt!


10.03.2009

Anfang März

4.März

Hier liegen 30 bis 50 Zentimeter Schnee und noch im Februar musste man wohl mit Lawinen rechnen. Jetzt ist es lediglich eine helle Schneelandschaft, aus der vereinzelt Bäume, Hütten und natürlich die mächtigen Voralpen ragen. Nach dem Gewimmel in Rhein-Main ist die Stille überraschend und wenigstens so eindrücklich wie auf einer Autobahn an einem autofreien Sonntag. Das Kloster trägt auf seine Weise zur Geräuschlosigkeit bei. Wenn ich vom Mansardenfenster in das perforierte Weiß schaue, und dort die ockerfarbene Robe eines Mönchs bei der Gehmeditation im Wind flattert, ist es wie ein Gesicht Caspar David Friedrichs.

Hier in der Gegend ist es üblich, dass Inschriften die Häuserfassaden verzieren. Tragen die meisten christliche Bezüge, so findet sich auf einer Häuserwand: „Wer getrunken hat das Licht hoher Berge, kann auf Erden nimmer ganz unglücklich werden.“ – Ein schönes Motto für einen Klosteraufenthalt.


5.März
Heute gab es ca. 15 Zentimeter Neuschnee. Der Kommentar eines Mönchs dazu: „Dann muss der Ferrari wohl in der Garage bleiben.“


6.März
Es schneit weiter. Nochmal 10 Zentimeter.
Heute Nachmittag war ich durch den Schnee stapfen, der wasserdichte Hosenüberzug ist da sehr praktisch. Da alle Sitzbänke am Spazierweg hoffnungslos zugeschneit sind, brauchte ich mich nur in eine Schneehöhe sinken zu lassen, und – taraa: schon ist der Schnee-Sessel erstellt, perfekt an meine ätherischen Proportionen angepasst.
Weiter am Wegesrand ist es ein wenig irritierend, dass man an einigen Stellen der hüfthohen Schneeverwehung sieht, dass Herr und Hund an die gleiche Stelle gepinkelt haben…

Der Tagesablauf ist einfach: Kurz nach 5 Uhr stehe ich auf, mache einige Yoga- oder Atemübungen. Von 6 bis 7 gibt es die Morgenmeditation, danach Frühstück. Dann folgt die Arbeitsperiode, zur Zeit reinige ich den Eingangsbereich und täglich alternierend das Treppenhaus oder die Toiletten. Um 11 Uhr 30 gibt es Mittagessen, um 17 Uhr einen Tee und 19 Uhr 30 die Abendmeditation. Neben der etwa einstündigen Arbeitsperiode richte ich das Frühstück an (meditiere dann früher) oder bereite zusammen mit einem weiteren Helfer das Mittagessen vor. Sonst gibt es kein Pflichtprogramm, und man kann nach Laune spazieren gehen, die Katze streicheln, lesen oder was einem sonst einfällt und nicht die Stille des Hauses stört. Zur Zeit arbeite ich buddhistische Texte auf und übe mich ansonsten darin, den Tag achtsam zu gestalten und alles Mögliche zu transzendieren. Die Meditation, das trickreiche Luder, stellt natürlich seine speziellen Fallen auf, aber zum Spielen gehören ja Zwei, und so sind die Stunden der geübten Stille letztlich doch segensreich.


9. März
Heute morgen ist Jane abgereist, eine ältere, gar nicht alte Lady aus Birmingham, der es recht schwer fiel, Dhammapala nach drei Wochen zu verlassen. Gestern habe ich mir ihr einen Spaziergang zu einem Aussichtspunkt unternommen, der etwa eine Stunde entfernt liegt. Das Wetter hat uns dafür einen prallen Sonnentag gespendet. In der Sonne waren es knapp 20 Grad, und die Schneelandschaft mit den unzähligen Reflexen sah aus wie ein vollends verträumtes Glittersahneland, mit Häubchen und Hügelchen, aus denen jeden Moment Schneehobbits hätten klettern können. Am Ende des Tages haben wir uns einen zarten Teint (respektive Sonnenbrand) zugezogen.

Der Winter schien nach dem gestrigen Tag unwiederbringlich vorbei – und nun doch nicht ganz. Über die Nacht schneite es locker das wieder auf, was zuvor weggeschmolzen war. Die Berge vor der Tür sind kaum zu erkennen und dem Panorama nach könnte ich schon jetzt in der kanadischen Einöde auf einem harten Stuhl sitzen und mit kauzigen Trappern über knorrige Bäume reden (naja, ich werde wahrscheinlich keinen einzigen Trapper zu sehen bekommen, aber man weiß ja nie…).

Jane ist weg, dafür ist Catherine wieder da, die übers Wochenende in Paris einen Yogakurs gegeben hat. Damit sind wir wieder drei Helfer, Jivam, Catherine et moi-même. Die Tage verlaufen gemächlich zwischen Hausarbeit, Meditation, Spaziergängen und Lektüre – alles friedlich und kurzweilig.

02.03.2009

Ein Start

Nun ist es soweit: Morgen früh geht es nach Kandersteg, viel frische Luft, tägliche Meditation und ein beschaulicher Alltag. Das Kloster Dhammapala kann ich jedem empfehlen, der in die Meditation schnuppern möchte ohne viel Hokuspokus. Alle Infos finden sich auf der Webseite des Klosters: http://www.dhammapala.ch/. Vorab schonmal ein paar Bilder...







 

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